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Bring Prasselkuchen mit!

separee
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Una G.

Meine erotischsten Momente erlebe ich derzeit beim Bäcker. Wenn ich durch den Park zu dem kleinen Laden gehe, sehe ich schon von Weitem die lange Schlange, die mich unweigerlich an meine Kindheit erinnert. Jeden Samstag schickten mich meine Eltern früh aus dem Haus, um frische Brötchen zu kaufen. Damals kam mir nicht in den Sinn, dass sie damit gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlugen: Kind beschäftigt, mindestens eine halbe Stunde ungestörte Zweisamkeit und hinterher noch aufwandfreies Frühstück. Ich liebte den Geruch der heißen Backwaren, der aus allen Ritzen des Ladengeschäfts auf die Straße drang. Das Warten machte mir nichts aus, dabei hatte ich nicht mal ein Handy dabei. Was hab ich bloß die ganze Zeit gemacht?

Die Schlange heute vor dem Bäcker ist nur deshalb so lang, weil die Menschen im Abstand von mindestens zwei Metern voneinander stehen. Einige auch weiter. Das sind die ganz vorbildlichen Staatsbürger, von denen wir in diesem Land schon immer eine erstaunliche Anzahl hatten. Ich gehöre nicht dazu. Ich bin Mitläuferin mit subversiven Tendenzen, denn ich teste die Grenzen, indem ich mich still und heimlich auf 1,80 m an meine Vorderfrau heranzuschieben versuche, bis ein aufmerksamer Blockwart mit Fensterplatz mich mit unmissverständlicher Deutlichkeit zurechtweist. Aber dann kommt doch noch mein Moment. Beim Verlassen des Ladens muss man sich, wenn man durch die schmale Tür ins Freie tritt, unweigerlich in einem Abstand von weniger als einem Meter an der vor der Tür wartenden Person vorbeischieben. Es ist ein Mann mittleren Alters so wie ich. Er ist groß, hat einen grau melierten Bart und auffallend helle, strahlende Augen. Zum weißen, aufgekrempelten Hemd trägt er Jeans. Genau mein aktuelles Beuteschema. Als ich versuche, mich in gebührlichem sozialem Abstand an ihm vorbeizuschlängeln, weicht er nicht zur Seite, sondern bleibt einfach stehen und schaut mich belustigt an. Ich spüre die Spannung, die sich aufbaut, das erotische Knistern, wenn zwei Fremde sich näherkommen. Ich stelle mir vor, wie ihm das Blut in die Lenden schießt und schiele in seinen Schritt, wo sich unter dem Stoff ein harter Schwanz abzuzeichnen scheint. „Sie dürfen“, hauche ich ihm entgegen. Aber statt nun den Bäckerladen zu betreten, reißt er mich an sich und küsst mich zum Entsetzen aller Umstehenden leidenschaftlich auf den Mund.

Natürlich tut er das nicht. Und auf mich warten zuhause drei neunköpfige Raupen und ein Mann, der seit Wochen im Home Office nur noch Jogginghose trägt. Aber zumindest Appetit darf man sich ja wohl noch woanders holen.

 

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