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Die Liebe in den Zeiten von Corona - Teil I

separee
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Irene Habich

„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ heißt ein weltbekannter Roman des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Am Ende der Geschichte begeben sich zwei Liebende in die selbstgewählte Quarantäne. Sie haben ihre Hochzeitsreise auf einem Dampfer verbracht, der den Río Magdalena befährt. Doch als die Flussfahrt sich dem Ende nähert, bleiben die beiden an Deck. Zum Schein lassen sie auf dem Schiff die gelbe Cholera-Flagge hissen. Von nun an kann niemand anderes mehr an Bord kommen, aber auch niemand mehr an Land gehen, wo sich tatsächlich die Seuche ausbreitet. Stattdessen will das gealterte Paar immer nur weiter den Rio Magdalena hinauf- und hinunterfahren. Romantischer kann man sich eine Isolation zu zweit nicht vorstellen.

Die Liebe in Zeiten von Corona sieht anders aus. Manche Paare sitzen zwar in paradiesischen Ferienländern fest – können das aber nicht genießen, weil Ausgangsperren erlassen werden und die Rückkehr ungewiss ist. Und der größte Teil wird ganz einfach zusammen zu Hause bleiben, freiwillig oder sogar gezwungenermaßen. Die meiste Zeit gemeinsam und in geschlossenen Räumen zu verbringen wird dabei schnell zur Belastungsprobe für die Beziehung, die es neben Kinderbetreuung, Homeoffice und der Hilfe für ältere Angehörige zu meistern gilt. In chinesischen Städten wurden nach zwei Monaten Isolation so viele Scheidungsanträge eingereicht wie nie zuvor. Andere Liebende sind plötzlich auf unbestimmte Zeit getrennt, weil sie an verschiedenen Orten leben. Oder sie verzichten freiwillig darauf, sich zu sehen, weil einer durch die Krankheit besonders gefährdet ist. Was macht das Virus mit der Liebe?

Unter dem Motto „Die Liebe in Zeiten von Corona“ erzählen wir hier wahre Geschichten von Paaren, die diese Phase herausfordert, trennt oder sogar zusammenbringt.

Teil I - Lina, Jakob und Martha

Lina und Jakob sind seit vier Jahren ein Paar. Sie war damals für ein Wochenende nach Paris geflogen, um einen anderen Mann zu vergessen. Er hatte ihr über Airbnb einen Schlafplatz vermietet. Als Lina sich weinend mit Bier in ihr Zimmer einsperrte, klopfte Jakob an die Tür. „Willst du dir nicht lieber von mir die Stadt zeigen lassen?“ So fing es an. Nach einigen Monaten Fernbeziehung zieht Lina zu Jakob nach Frankreich. Nach zwei Jahren wird sie schwanger, ein Unfall. Jakob ist das zu früh. Ich will das Kind, sagt Lina, mit dir oder ohne dich. Gut, sagt Jakob.

Das erste Jahr mit dem Kind hat Lina sich anders vorgestellt. Das Geld ist knapp, ein halbes Jahr lang schlafen Lina, Jakob und die kleine Martha auf einer Matraze am Boden, in der Wohnung von Jakobs Mutter. Dann übernimmt Jakob zusammen mit einem Freund einen Weinladen, er arbeitet auch am Wochenende. Sie finden eine Wohnung, in der Lina meistens mit dem Baby allein ist.

Als die Corona-Krise beginnt, fängt Martha grade an zu sprechen. In Frankreich bedeutet Corona: Lockdown. Die Kita ist zu, wie auch in Spanien und Italien darf man das Haus selbst mit Kindern nur im Ausnahmefall verlassen. Martha verlangt den ganzen Tag Linas Aufmerksamkeit, so sehr, dass sie tagsüber wieder zu stillen beginnt. Jakob ist jetzt viel mehr zu Hause, der Weinladen läuft ohnehin schlecht, der Lockdown droht ihm den Rest zu geben. Seit einiger Zeit ist es Lina, die das Geld verdient. Als Selbstständiger bricht auch ihr jetzt das Einkommen weg. Eigentlich hatte sie ihr Studium fortsetzen wollen, nun weiß sie nicht, wie. Die Wohnung ist klein, wenn sie mit Jakob auf dem Sofa sitzt, ist die Luft zum Schneiden dick. „Ich kann sein Gesicht nicht mehr sehen“, beichtet sie einer Freundin am Telefon, es ist der Tag neun des Shutdowns. Am Tag zehn wirft Lina Jakob ein Käsebrot an den Kopf und schreit ihn gefühlte zehn Minuten lang an. Warum ist der Laden nicht längst verkauft? Warum ist es immer sie, die sich um alles kümmern muss? Wann hören die Geldsorgen endlich auf? Zu nichts sei er gut. In der Mitte zwischen den beiden steht Martha. Jakob packt ein paar Sachen und geht.

Am nächsten Tag kommt er wieder. „Ich habe gesehen, dass du nicht mehr du selbst warst,“ sagt er. „Aber nochmal passieren sollte das nicht.“ Sie reden. So viel steht fest: Einen Käufer für den Laden wird er in der Corona-Krise nicht finden. Eine andere Arbeit auch nicht. Lösungen werden auf später verschoben, nur in einem sind sie sich einig: „Du musst mal raus“, sagt Jakob. Lina verbringt einen Tag lang bei einer Freundin und malt ein Bild: Etwas, für das sie schon seit einem Jahr keine Zeit mehr gehabt hat. Es geht ihr danach etwas besser. Am selben Abend gibt die französische Regierung bekannt, dass der Lockdown um weitere zwei Wochen verlängert wird - mindestens.

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