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Die Liebe in den Zeiten von Corona - Teil III

separee
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Irene Habich

Teil III - Hannah und Moritz

Hannah ist im fünften Monat schwanger, als ihre Oma stirbt, ihr Bauch beginnt sich grade zu wölben. Nur einen Tag später werden in Belgien Kontaktsperren für Seniorenheime erlassen. Es war immer die größte Angst ihrer Oma, alleine zu sterben - sie hat Glück gehabt, dass es nicht wahr wurde. Am Wochenende soll die Beerdigung sein. Doch die Nachrichten überschlagen sich, immer neue Meldungen wegen Corona. Hannah lebt in Amsterdam, sie müsste für Hin- und Rückfahrt die Landesgrenze überqueren. Wie groß ist die Gefahr – auch für das Baby? „Willst du wirklich fahren“, fragt sie ein Freund? Hannah entscheidet sich gegen die Beerdigung.

Ihr Vater schickt ihr das Programm der Feier. Während ihre Oma beerdigt wird, sitzt Hannah auf dem Sofa und singt die gleichen Lieder wie ihre Verwandten in Belgien. Sie liest ihrem Freund Moritz auch die Rede vor, die ihr Vater für seine verstorbene Mutter geschrieben hat – und weint. Die kommenden Wochen wird die schwangere Hannah ihre Familie nicht sehen. Die Vorschriften in den Niederlanden sind weniger streng als anderswo, man darf noch zu dritt unterwegs sein und sich besuchen. Aber Hannah will kein Risiko eingehen. Ihr Vater leidet seit langem an einer chronischen Infektion mit multiresistenten Keimen, dazu kam im letzten Jahr eine Krebsdiagnose. Und auch wenn sie weiß, dass ihr eigenes Risiko für einen schweren Verlauf gering ist – schon Fieber wäre schlecht für das Baby.

Hannah und Moritz bleiben also zu zweit. Nicht schlimm, findet Hannah. Sie sind eines dieser Paare, die sich ohnehin oft selber genügen. Sie machen Puzzle, Moritz bringt Hannah Frühstück ans Bett. Sie schneidet ihm die Haare. An Hannahs Geburtstag kaufen sie Kuchen und setzen sich draußen ans Wasser. Wenn Moritz morgens früh schon zu laut deutschen Rap spielt, sagt Hannah: „Geh doch mal wieder spazieren“. Hannah ist kein Mensch, der sich häufig beschwert. „Wir müssen doch dankbar sein“, sagt sie, „denn uns geht es gut.“ Ein Kollege war wegen Corona im Krankenhaus, er ist erst 40.

Angst habe sie eigentlich nicht: „Aber wenn man zu viele Nachrichten sieht, kann das einen schon verrückt machen“, sagt Hannah. Was, wenn in holländischen Krankenhäusern Zustände herrschen sollten wie in Italien – mit lauter Toten und Infizierten? Wenn Väter bei der Geburt nicht mehr dabei sein dürfen? Dann würde sie ihren Sohn doch lieber zu Hause zur Welt bringen. „Manchmal denke ich, es ist gut, dass er noch in meinem Bauch ist, da ist er geschützt“, sagt sie.

Die Vorsorgeuntersuchungen fallen nun knapper aus als gewöhnlich und Hannah hofft, dass der Geburtsvorbereitungskurs nicht gestrichen wird. „Früher ging es ja auch ohne“, versucht ihre Mutter ihr Mut zu machen. Die Mutter und ihre Schwester, die schon drei Kinder hat, hätte sie während der Schwangerschaft gerne mehr um sich. „Es ist so eine schöne Zeit, man möchte es einfach teilen.“ Doch das geht in diesem Moment nicht. Was sie als Erstes machen möchte, wenn sich die Situation entspannt? Ihren Geburtstag vielleicht noch einmal feiern, mit Freunden und Familie sagt sie. Zumindest aber die Geburt ihres Kindes.

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