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Die Liebe in den Zeiten von Corona - Teil V

separee
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Irene Habich

Teil V - Irene und Steve

Der erste Kuss war filmreif: An einem Springbrunnen nachts im Park, wir waren heimlich über die Mauer geklettert. Es ist das letzte Wochenende im Februar und ich bin verliebt. Mit Steve ist es endlich so, wie ich es mit immer gewünscht habe. Es fühlt sich so gut an, dass ich es kaum glauben kann. Dann kommt Corona und hier in Frankreich der große Shutdown. Wir verbringen noch einen letzten Tag in „unserem“ Park und sitzen einige Stunden in einem Lokal – bevor der Park und alle Kneipen und Restaurants für unbestimmte Zeit geschlossen werden.

Kurz darauf darf man die Wohnung nur noch mit einem speziellen Formular verlassen, das einen guten Grund bescheinigt. Offiziell dürften Steve und ich uns gar nicht mehr sehen, weil wir nicht im gleichen Haushalt leben. Wir tun es trotzdem, was mir in dieser Situation viel Kraft gibt. Mit ihm an meiner Seite werde ich die Ausgangssperren ertragen, denke ich mir. Doch dann wird alles noch komplizierter. Meine Mitbewohnerin Cassandra ist Ärztin. Im Krankenhaus versorgt sie eine Patientin, die später positiv auf Corona getestet wird. Das bedeutet: Auch Cassandra muss sich jetzt testen lassen. Wenn sie positiv ist, muss ich mich mit ihr zusammen mehrere Wochen lang isolieren. Das Ansteckungsrisiko ist auf einmal ganz real. Noch dazu hat Steve Asthma und eine Infektion könnte ihm womöglich wirklich gefährlich werden.

Würde ihm durch mich etwas passieren, ich würde es mir niemals verzeihen. Gleichzeit finde ich den Gedanken unerträglich, ihn wochenlang nicht zu sehen. Was würde das für uns bedeuten, wo alles doch noch so frisch ist? Ich bekomme panische Angst, etwas wieder zu verlieren, nachdem ich mich so lange gesehnt habe. Also rufe ich ihn an und will ihn unbedingt noch einmal sehen, bevor die vielleicht infizierte Cassandra nach Hause kommt. Er reagiert zögernd: Sein Mitbewohner will nicht, dass ich während der Ausgangssperre zu ihnen in die Wohnung komme und bei mir ist Steve nun nicht mehr sicher. Mir brennt eine Sicherung durch. Ich fange an zu heulen und zu schimpfen. Später schäme ich mich. Steve wird sich tagelang nicht melden und ich bin am Boden zerstört. Irgendwann schicke ich ihm Sprachnachrichten mit neuen Vorwürfen, um es danach zu bereuen. Ich finde die Welt sehr ungerecht und was sonst gerade auf ihr passiert ist mir ziemlich egal. Soll es das gewesen sein, nur wegen diesem verdammten Corona?

Als wir uns das nächste Mal sehen, spüre ich, dass meine Gefühlsausbrüche Steve überfordert haben. Ich bin eindeutig über das Ziel hinaus geschossen und das in der sensiblen Kennenlernphase. Deshalb entschuldige mich bei ihm und schwöre mir selber, mich zusammenzureißen, denn verlieren will ich ihn nicht. Er zögert und ich spüre, dass ich ihm Zeit geben muss - mit oder ohne Corona. Aber Zeit haben wir ja jetzt.

Am nächsten Wochenende spazieren wir zusammen zum alten Hafen. Unterwegs fälschen wir mehrfach die Dokumente, auf denen unsere Adressen eingetragen sind und die Uhrzeit, zu der wir angeblich das Haus verlassen haben. Wir sitzen stundenlang am Wasser und knutschen. Und halten Ausschau: Es heisst, dass jetzt wieder Delfine auftauchen, ganz nah vor der Küste.

 

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