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Ein "Pick Me Up" ist nichts fürs erste Date!

separee
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Ute Cohen

Potsdamer Straße, Schöneberg. Es nieselt. Die Stadt wirkt, als sei sie einem Film Noir entsprungen. Glänzender Asphalt. Geduckte Männer in Regenmänteln, vorbeibrausende Luxuswagen. Gleich um die Ecke der bekannteste Strich Berlins, aber auch das Geschäft der Hutmacherin Fiona Bennett. Im Schaufenster ein Hut, auf dem ein „drittes Auge“ neugierig auf die Straße lugt. Nebenan, Hausnummer 102, die „Victoria Bar“, eine American Bar, der Klassiker unter den Bars des Berliner Westens. Hinter schweren Holztüren ein langgestreckter Tresen, das Klacken der Cocktailshaker, eine Riege an Barkeepern, die den ersten Gästen Gimlets, Martinis und Champagner reicht.

  • Interview: Ute Cohen
    Foto: Sonja Shenouda

Kerstin Ehmer setzt sich zu uns. Sie ist nicht nur Teilhaberin der Bar, sondern auch Autorin der „Schule der Trunkenheit“. Das Buch ist ein must-have für alle Liebhaber gepflegten süffigen Genusses. Sie winkt einen Barkeeper herbei. Ein Blick auf die verwirrende Vielfalt der Karte, und wir vertrauen den Empfehlungen des smarten Herrn. Gin Tonic für die Fotografin, ein Whiskey-Drink für die Gastgeberin und für mich zum Abheben einen „Lindbergh“, einen Champagner-Cocktail, der erst letztes Jahr im Hause kreiert wurde.

Ute Cohen: Frau Ehmer, soeben ist Ihr Buch „Die Schule der Trunkenheit“ im Verbrecher Verlag erschienen. Braucht der Rausch Disziplin?

Kerstin Ehmer: Auf jeden Fall. Trinken benötigt Disziplin. Man muss ein paar undisziplinierte Räusche hinter sich gebracht haben, um zu wissen, dass man mit Alkohol viel erreichen, aber auch viel verlieren kann. Wo man sich den Grenzen nähert, ob es sich lohnt, noch einen Schritt darüber hinauszugehen.

Die Victoriabar ist ein Ort des „geläuterten Exzesses“, heißt es in Ihrem Buch. Ist die Bar ein Gegenpol zu totaler Enthemmung?

Ruhig ist es nicht immer, aber wir haben wenig Probleme mit Leuten, die so betrunken sind, dass sie aus der Tür fallen oder sich vergessen. Viele Profitrinker, die fünf Cocktails schaffen, aber dennoch die Fassung und Stilempfinden bewahren. Einige haben ja auch die Schule der Trunkenheit absolviert. Viele arbeiten sich auch von Kapitel zu Kapitel vor. (lacht)

Keine grenzwertigen Situationen?

Wir hatten wirklich noch keine Leute, die sich ineinander verbissen über die Bänke gewälzt haben. Meistens haben sie es deutlich vorher vor die Tür geschafft. Aber wahrscheinlich geht jetzt gleich die Tür auf und uns wird das Gegenteil bewiesen ... Übrigens haben wir für eine Bar eine außergewöhnlich hohe Frauendichte. Vielleicht ist das auch der Grund für das gute Benehmen.

„Too Drunk To Fuck“ sangen die Dead Kennedys und Nouvelle Vague.

Das lag mir gleich zu Beginn des Gesprächs auf der Zunge ...

Sex und Alkohol – ein schlechtes Match?

Nein, Alkohol ist definitiv etwas, was sehr hilft, sich anzunähern. Sex bedeutet ja auch, eine Barriere zu überwinden, unser eingezirkeltes Ich verlassen. Wir müssen Leuten die Zunge in den Mund stecken und alles Mögliche andere auch. Erstmal ist es strange, und Alkohol ist eine Hilfe, die von Anfang an mit Genuss zu tun hat.

Verhält es sich beim Trinken wie beim Sex? Man glaubt es von Natur aus zu können und genießt doch erst, wenn man es kennt.

Genau. Je mehr ich darüber weiß, desto kultivierter ist mein Umgang damit. Bei allem. Der erste Wein, den man trinkt, haut einen auch erst einmal nicht vor lauter Wohlgefallen aus den Schuhen. Je mehr man darüber weiß und auch vergleichen kann (wir lachen), desto interessanter wird es. Man lernt immer wieder dazu.

Was ist denn Gentleman-Trunkenheit?

Gentleman-Trunkenheit beginnt ja in ihrem Stammland England bereits am Vormittag und zieht sich dann als schwebender Dauerzustand durch den Tag ohne größere Höhen und Tiefen bis zum Abend. Bös gesprochen: eine Form des Alkoholismus.

Dagegen Liebe und Sauferei – große Dramen wie Liz Taylor und Richard Burton.

Es gibt nichts ohne einen Preis dafür. Ich kann mich auch nicht in jemanden verlieben ohne zu riskieren, dafür fürchterlich verletzt zu werden oder ein Stückweit die Unabhängigkeit zu verlieren. Robert Pfaller sagt in „Wofür es sich zu leben lohnt“: Es gibt keinen Spaß ohne den Preis dafür. Nur gutes Essen, nur gutes Trinken, das ist völlige Illusion. Wie lange wollen wir denn leben? Die Intensität zählt doch.

"Große Trinker" übten oft eine besondere Anziehungskraft auf Frauen aus: Lord Horatio Nelsons Geliebte Lady Hamilton ließ sich sogar ihre Leibwäsche mit Nelsons Initialen und Ankern besticken. Wie erklärt sich das? Das ist ja schon Fetischisierung!

Moment! Er war der Fetisch dieser Frau. Was die großen Trinker betrifft: da muss man differenzieren. Große Trinker? Sind die nicht inzwischen abgelöst worden durch Hedi Slimane-Anzugträger? Außerdem sind sie sehr verschieden. Es sind ja nicht alle Richard Burton oder Bogart, mit Talent und Charisma. Churchill verfügte definitiv nicht über diesen Sexappeal.

Von welchem Drink sollte man die Finger lassen, wenn man nicht unter dem Tisch beziehungsweise dem Gastgeber landen möchte (wie Dorothy Parker sagte) oder einen Rausschmiss riskieren möchte.

Vom dritten Cocktail. Ganz klar. Egal welcher.

Gibt’s da keine Unterscheide? Rum zum Beispiel ist sehr intensiv ...

Rum wird eigentlich die größte Sinnlichkeit unter den Spirituosen zugeordnet. Der sinnlichste Rausch. Könnte ich so unterschreiben. Man muss halt ein bisschen vorsichtig sein. Gern auch etwas mit Saft bestellen. Von Champagner-Cocktails darf man sich übrigens nicht täuschen lassen. Die enthalten oftmals eine ordentliche Menge Alkohol, das sind ernste Drinks.

...

Das gesamte Interview lesen Sie in Séparée No.19.

 

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