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Mann, oh Mann

separee
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Marc Ottiker

Die Figur geht aus dem Leim, der libidinöse Hunger lässt nach, der Blick schwirrt etwas orientierungslos zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sind das die Wechseljahres des Mannes? Marc Ottiker gibt Einblick in das Seelenleben eines 50-Plusers.

  • Text: Marc Ottiker
    Fotos: Volodymyr/stock.adobe.com, zsv3207/stock.adobe.com

Er spült seine Haare aus. Danach die ungeliebte, aber notwendige kalte Schockbehandlung. Vorgeblich um wirklich wach zu werden, hintergründig jedoch, um sich danach an der vorübergehenden Straffung seines Skrotums zu erfreuen. Der Blick in den Spiegel wird dann vorerst von der matt beschlagenen Oberfläche verstellt. Langsam tauchen aber die Umrisse des Gegenübers auf und schließlich fällt dieser Blick – auf mich. Wer ist das, der mich da, noch tropfnass, anschaut?

Bei aller Vertrautheit ist die große Konstante dieses Gegenübers doch die Wandlung. Früher die Wachstumsschübe. Sprießender Haarwuchs allerorten. Mit der Konturierung der Gesichtszüge aus den kindlichen Rundungen heraus der endgültige Abschied vom Land des zögerlichen Unterganges. Dann Pflege eines leidlich guten Aussehens mit allerhand körperlichen Aktivitäten. Regelmäßige Besuche von Tanzveranstaltungen und damit einhergehend die Kultivierung von einigem Hedonismus. Später Gewichtsschwankungen mit abschließendem Einpendeln im oberen Mittel, das nun die Vorzeichen einer untersetzten Statur modelliert. Ergrauen, vor allem der Bartstoppeln, die jetzt gleich wegrasiert werden. Entwicklung eines zwischen Flucht und Verdoppelung noch unentschlossenen Kinns. Ganz allgemein ist mittlerweile das Einnisten einer gewissen Unvorteilhaftigkeit in allen Bereichen der Physis unübersehbar. Und das bei gleichbleibend klarem Blick, einer gewissermaßen alterslosen Schärfe der Betrachtung gerade des anderen Geschlechts. Mit Schärfe ist hier sowohl die (wenigstens in die Ferne) noch vorhandene Sehkraft, als auch die gerade in dieser Ferne schweifende nach wie vor ungebrochene Verzückung über weibliche Rundungen, Formen, Körpersprachen gemeint. Und damit beginnen nun ganz und gar neuartige, noch ungewohnte Irritationen, die sich in Bruchteilen von Sekunden aufbauen, um dann – im schlimmsten Fall – umso zählebiger das gesamte Stimmungsbild um dieses Interesse herum einzutrüben. Angesichts der Zeitspanne, also über 50 Jahre, die mich zu dieser Morgendämmerung des Zerfalls geführt hat, stehen diese kaum noch messbaren Augenblicke und ihre Wirkung in einem geradezu monströsen Missverhältnis, vergleichbar in etwa mit der nicht begreifbaren Größe des Universums, welche den Heimatplaneten auf ein mit Leben behaftetes Sandkorn schrumpfen lässt.

Es sind also Frauen, die von mir – immer öfter – augenblicklich irritiert sind, diese Irritation zuerst mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen, sodann den Gesprächsmodus – schneller als das Licht reisen kann – von aufrichtiger Zuwendung bestenfalls in höfliches Desinteresse oder aber in routiniertes Ignorieren herunter fahren. Warum geschieht das? Was hat sich an meinem Verhalten geändert? Oder war es schon immer so und ich habe es nicht gemerkt? Die Wahrnehmung einfach vernebelt vom jugendlichen Vorrecht des Glaubens an die eigene Unwiderstehlichkeit?

Ich fürchte, dass es etwas mit meinem Verhalten zu tun haben muss, mit einigen Neuerungen, die sich aus meiner Unerfahrenheit in Sachen älter und alt werden ergeben. Denn wenn etwas noch jugendlich im Sinne von leichtsinnig und einfältig an mir sein sollte, dann ist es der Umgang mit den mittlerweile angesammelten Erinnerungen und der damit (vielleicht) erworbenen Lebenserfahrung.

Wichtiges Indiz für diese Annahme ist, dass die erwähnten Flucht- und Abstoßimpulse nicht nur bei jüngeren Frauen zu beobachten sind, sondern auch bei gleichaltrigen und auch älteren – wenn auch in einer etwas weniger ausgeprägten Regelmäßigkeit. Und das obwohl der Umgang, gerade was die Anbahnung von konkreten Intimitäten an geht, unter gleichaltrigen Gleichgesinnten seit einiger Zeit weniger kompliziert geworden ist. Womöglich führt die Erklärung und Vollendung der Unabhängigkeit des Sex von der Fortpflanzung zu einer neu entfachten Libertinage, wie sie zuletzt nur aus der Zeit vor den Planungen der mittlerweile in alle Winde zerstreuten Familien praktiziert wurde. Während sich die Sprösslinge dieser Verbindungen in Universitätsstädten aufhalten oder sich durch Praktika hecheln – in den allermeisten Fällen also aus dem Gröbsten geschlüpft sind, um nun in die Grobheiten des Erwachsenendaseins einzutauchen – lassen die Vorsteherinnen dieser Gemeinschaften ihre prüfenden Blicke nun gerne wieder kreisen. Und das um vieles würdevoller als die seinerzeit für die Mutterschaft rekrutierten Männer, die sich nun, mehr oder weniger verzweifelt, jüngeren Frauen zu wenden, „um jetzt alles besser zu machen.

Es hat sich jedenfalls in der Damenwelt meiner Generation Lebenserfahrung angesammelt, die in erstaunlich vielen Fällen zu einem guten Humor geronnen ist, angesiedelt zwischen Sarkasmus und Derbheit. Diese Damen suchen jedoch die Aspiranten für kommende Abenteuer nur ungern in Kreisen gleichaltriger Herrschaften aus. Und so wird aus dem bohemistisch angehauchten Schwerenöter im vorgerückten Alter, der sich nicht in der Abhängigkeit zweier sich aneinander klammernder Ertrinkender verstricken möchte (diese Möglichkeit besteht immer), eine zusehends tragische Gestalt.

Natürlich hat auch er seine Jugend genutzt, um zu lieben und zu arbeiten, doch hat es bei ihm in beiden Feldern weder zu extremer Glückseligkeit noch zu extremem Reichtum gereicht. Und so hangelt er sich noch immer entlang von Vorläufigkeiten, Gelegenheiten, Improvisationen durch sein Leben. Nichts ist gefestigt. Vieles nimmt den riskanten, nur vordergründig direkten Weg von der Hand in den Mund. Und es ist womöglich diese „Kultur des Temporären“, welche bei ihm, trotz fluxischem Lebensstil der dann doch dauerhaft stabilen Schemen in meinem Badezimmerspiegel, für die eingangs beschriebenen Irritationen mitverantwortlich ist. Denn mit dieser Abwesenheit von Saturiertheit und Absicherung macht sich eine gewisse Amnesie breit. Da es keine Insignien (außer natürlich derjenigen des Zerfalles) meiner „Reife“, „Lebensleistung“, „Gefestigtkeit“ – setzen Sie fort – gibt, vergesse ich mein Alter im Alltag einfach und damit den ganzen mittlerweile angewachsenen Komplex aus Erinnerungen und Erfahrungen. Ganze Dekaden verschwinden so einfach im Orkus eines vorübergehenden Vergessens. Und mit ihnen sogar, dass mein libidinöser Hunger längst nicht mehr so groß ist wie einst, woraus folgt, dass ein zuweilen komisches Gefälle zwischen dem Verlangen und dem Vermögen, es zu stillen, eingetreten ist.

Im Grunde wird mir die bereits exekutierte Lebenszeit eben nur beim Blick in den Spiegel wirklich bewusst. (Dabei fällt mir gerade ein, dass die Menschen über Jahrhunderte nur eine sehr vage Vorstellung von ihrem Aussehen hatten, aus dieser Warte heraus der Spiegel eine eher neuartige Erfindung ist und die jetzige Selfie-Kultur einen geradezu terroristischen Umgang mit dem Selbstbild befördert hat.) Meine Vorstellung von mir selber ist also vage und von, ob bewusst oder nicht, Vergesslichkeiten sehr viel mehr geprägt, als es mir lieb sein kann. Es sind eben jene Blicke junger Frauen, in den erwähnten Sekundenbruchteilen, die mir mein Alter bewusst machen und ich fürchte, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis ich selber die Vorstellung von mir justiere und es nicht diese Blicke tun müssen. Hier hinkt das Bewusstsein meinem Sein doch noch sehr hinterher – hoffentlich nicht so lange, bis auch das Sein zu hinken beginnt …

Den vollständigen Erfahrungsbericht des Autors lesen Sie in Séparée No.24.

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