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Unschuld provoziert mehr als die Möhre im Anus

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Ute Cohen

David Lehmann (Jahrgang 1987) lebt und arbeitet in Cottbus. Er hat Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin studiert. Aktuelle Werke von ihm werden 2019 im Rahmen einer dreiteiligen Museumsschau in Bonn, Wiesbaden und Chemnitz zu sehen sein.

  • Interview: Ute Cohen
    Fotos: Cathrin Bach

Séparée: Herr Lehmann, Sie haben einen berühmten Namensvetter, Michelangelos David. Wie fühlt man sich, wenn man sich öffentlich entblößt?

David Lehmann: Mich haben schon tausend Leute nackt gesehen, ich bin Saunagänger. Es ist aber natürlich eine andere Art, nackt zu sein mit einer Fotografin zusammen und in explizit erotischen Szenen. Das war schon ein interessanter Prozess beim Shooting. Die Befreiung, die ich erlebte, war quasi korrelativ. Auch die Fotografin wurde enthemmter, die Sache spielerisch anzugehen. Das hat sich dann wieder auf mich gespiegelt.

Sie haben also kein Problem mit Öffentlichkeit? Gibt es für Sie da eine Grenze?

Nicht was Nacktheit betrifft. Damit hab’ ich auch schon gespielt in den sozialen Medien. Dass das nun auch noch gedruckt wird in einem Magazin für Frauen, imponiert meiner manchmal nervigen Eitelkeit.

Wir haben auch viele männliche Leser um die fünfzig ...

Umso besser, vielleicht können wir sie dazu animieren, gängige Rollenklischees zu überwinden. Außerdem ist die Nacktheit bei einem Shooting ja kalkuliert, bisweilen sogar idealisiert. In der Sauna hingegen sieht man nicht immer ideal aus. Das ist eine naturalistische, ja flüchtige Nacktheit.

Ist das ungewöhnlich für einen Künstler, diese Ungezwungenheit? Viele Künstler sind inzwischen übervorsichtig. Es gab Jonathan Meeses „Zwickauer Pornoskandal“, Bilder in Museen werden abgehängt ... Riskiert ein Künstler heute etwas, wenn er sich zeigt?

Das kommt auf die Art und Weise an. Wir haben versucht, das Shooting auch mit einem Touch von Unschuld zu gestalten, weil ich glaube, dass Unschuld heutzutage mehr provozieren kann als der nackte Spagat oder die Möhre im Anus. Ich glaube, dass uns das gelungen ist, insbesondere, da meine Freundin, die Künstlerin Elena Acquati, involviert war. Dadurch ist eine authentische zwischenmenschliche Energie entstanden. Man will es aber auch nicht zu privat gestalten. Dem Recht auf Privatsphäre wird ja oft sehr despektierlich begegnet. Andererseits stehe ich diesem Pornowahn skeptisch gegenüber. Provozieren kann ein Künstler damit wohl kaum mehr.

Unterscheiden Sie zwischen Erotik und Porno?

Gute Frage. Ich bin da mal altphilologisch herangegangen. Der Begriff Pornographie war ja ursprünglich das Protokoll des Lebens der Hetären. Pornographie, wie wir sie kennen, ist meiner Auffassung nach eine radikale Objektivierung des Menschen und der menschlichen Psychologie. Zwischenmenschliche Begegnungen in Pornos sind fiktiv. Pornodarsteller sind häufig mit Koks oder Viagra abgefüllt. Erotik hingegen ist eine ungeschriebene Geschichte, eine Geschichte, die vielleicht unmöglich erscheint unter den gegebenen sozialen Umständen.

Sie unterscheiden auch in Ihren Bildern zwischen dem Verwirklichten und dem Möglichen. Ein Bild trägt den Titel „Ein Gerücht namens Tod“.

Genau, was ist denn provozierender als der Tod? Der überzeichnete Phallus der Pornographie löscht jegliche Vorstellungskraft aus. Sasha Grey, die Autorin und ehemalige Pornodarstellerin, hat diese Dynamik ad absurdum geführt, in dem sie Gangbangs in dominanter Funktion durchführte. Erotik ist für mich der ungeöffnete Schleier der Maya.

Steckt da auch eine Prise Humor drin? Wie sieht’s aus mit Humor im Sex?

Ganz wichtig. Das Fundament guter Sexualität ist, dass man sich selbst nicht zu ernst nimmt. Dann hat man auch ein besseres Körpergefühl. Das ist ja häufig eine kaskadenartige Anhäufung von Minderwertigkeitskomplexen heutzutage. Da muss man sich ja nur mal Fünfzehnjährige bei Instagram angucken. Mich hat sicherlich auch einiges an mir gestört damals, aber jetzt ist das offenbar ein ganzheitliches Thema geworden: Man unterhält sich nicht mehr über Literatur oder den neuesten guten Film, sondern über die Geheimratsecken eines Siebzehnjährigen. Wie sich das dann wohl auf die Sexualität auswirkt?

Ihre Unterscheidung zwischen Pornos und Erotik ist spannender als die rechtliche, mit der wir bei Séparée konfrontiert sind. Kennen Sie die 45 Grad-Regel für Erotikzeitschriften?

Ja, jetzt kenn ich sie. (Lacht)

Hat Sie das nicht überrascht, dass ein Penis nicht im 45-Grad-Winkel erigiert sein darf, weil es sonst als Pornographie gilt?

Nein, das hat mich nicht überrascht, weil ich die absurde Information hatte, dass es in amerikanischen Filmen zum Beispiel nicht darauf ankommt, ob, sondern wie lange ein erigierter Penis zu sehen ist. Die deutsche Regel ist natürlich kurios: Soll man da die 45 Grad abmessen? Lächerlich. Ich habe die Zensur übrigens selbst schon erlebt, als ich einen zwei Meter zwanzig großen Penis gemalt habe. Der musste in Cottbus im Landesmuseum hinter eine Wand mit einem Schild: Ab 18! Man sollte den Pimmeln nicht zu viel Macht zugestehen, die meisten sind bestimmt harmloser als gedacht. (lacht)

Ein „naiver Maler“, so der Titel eines ihrer Bilder, sind Sie also nicht.

Ich bin ein naiver Mensch, aber kein naiver Maler, das ist eine Falle und platonisch von mir gemeint. Der, der sich immer als Nichtwissender darstellt, wird nicht angegriffen und man erwartet nicht, dass er überhaupt angreift. Da wird’s spannend.

Wie passt das mit Hauptthema des Shootings, Unschuld, zusammen?

Séparée ist ja ein Magazin, bei dem man eine gewisse Ästhetik erwartet, die zu einer kurzfristigen Erregung führen kann. Was wir, also die Fotografin Cathrin Bach, Elena und ich aber geplant haben, ist eine spezielle Anordnung. Mit Requisiten, Make-up, meiner Figur selbst haben wir fast barocke Fotos geschossen. Elena ist selbst Malerin und arbeitete jahrelang für das Staatstheater Cottbus und in der freien Szene als Bühnenbildnerin, ihre Mitarbeit war essentiell. Wir haben uns gedacht, einen schlaffen Pimmel will keiner sehen. Deshalb haben wir uns gesagt, wir lassen den Fokus auf den Penis weg. Wenn der Penis zu sehen ist, dann eher zufällig. Wir haben uns auch über unsere unterschiedlichen Auffassungen von Erotik unterhalten. Cathrin hat zum Beispiel in einer Augenbraue Erotik gesehen. Das kenn ich auch. Klar mag ich schöne Brüste, aber ich mag auch sehr schöne Hände. Hände verraten, ob jemand passiv, aktiv ist, Lust aufs Leben hat, sich gehen lässt, gelebt hat.

Was versteht Ihre Freundin darunter?

Elena braucht die Wahrnehmung der unvollendeten Narration. Wenn ein Foto nur die Einleitung einer Kurzgeschichte oder eines spannenden Romans ist, dann ist das für sie erotisch. Ich selbst finde mein Bild der Bonobo-Affen, das im Schlafzimmer hier hängt, allein schon für erotisch. Es heißt übrigens „Die Versöhnung“.

Porno, Erotik ... Sind das Kategorien, die in der Malerei zählen? Ist Pornographie Kunst?

Ja. Der Japaner Araki gilt oft schon als pornographisch. Die Figuren sind aber psychologisiert. Insofern ist das streng genommen keine Pornographie, wohl aber ein Spiel mit pornographischer Ästhetik. Terry Richardson hat das auch versucht, er hat aber nicht die Tiefe. Das ist zu platt, er zielt auf kurzfristige Erregung. Araki aber kann mich bis in meine Träume verfolgen und beeinflusst sicherlich meine Malerei.

In der Berliner Ausstellung „Porn Porn Porn“ haben immerhin Andreas Mühe und Martin Eder ausgestellt. Mühe machte sogar Pornset-Shootings.

Mich stört’s immer ein bisschen, wenn Malerei in einen fremden Zwangskontext verhandelt wird und man nicht über Malerei selbst spricht. Das ist sehr in Mode. „Hundert Jahre Katze – Martin Eder“ hingegen, das wäre mal eine mutige Ausstellung. Der malerische Blick auf das Objekt selbst ist herausfordernd.

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Das gesamte Interview, weitere Fotos und einige der erwähnten Gemälde finden Sie in Séparée No.19.

 

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